Ich habe mal wieder einen Trickfilm aus meiner Kindheit nach laaaaanger Zeit noch mal geschaut, und auch dieses Mal im englischen Original, statt mit russischem Voice-Over.
Zunächst einmal das Grundfazit: Der Trickfilm ist im Vergleich gar nicht mal so furchtbar gealtert. ("Im Vergleich" hier nicht abstrakt zu betrachten, sondern ganz konkret im Vergleich zu dieser lowkey creepy und seltsamen Schneewittchen-Fortsetzung und zu diesem Verschnitt der Zauberflöte - Womit die Messlatte allerdings am Boden liegt).
Erstmal kurz die Handlung.
Es gibt eine Rahmenhandlung, die darin besteht, dass Jacquimo die Schwalbe großer Fan von komplizierten Liebesgeschichten ist - und seine Lieblingsgeschichte ist die von Thumbelina. (Da er vorher ausschließlich tragisch ausgehende Geschichten aufzählt, wird an der Stelle auch nicht klar, ob es ein Happy End gibt) Diese Geschichte bildet die Binnenhandlung - eine Frau wünscht sich ein Kind und bekommt von einer guten Fee ein Samenkorn geschenkt. Dieses wächst zu einer Blume heran, aus der das bereits vollständig ausgewachsene Däumelinchen, Thumbelina, dann auch schlüpft. Nachdem ihre Mutter ihr Feenmärchen vorgelesen hat, singt und tanzt das naive Mädchen vor dem Märchenbuch und träumt von ihrem eigenen Feenprinzen - einem Partner, genauso klein wie sie. Ein solcher kommt auch in Form des laut Filmhandlung sechzehn Jahre alten Feenprinzen Cornelius in ihr Zimmer geflattert. Sie sind voneinander entzückt (und Cornelius singt ein wirklich schönes Lied für sie <3), tauschen Token aus (er steckt ihr einen Ring an den Finger) und er verspricht, sie am nächsten Morgen abzuholen und seinen Eltern vorzustellen. Doch auch auf spanisch singende Kröten haben sich in Thumbelinas Stimme verliebt und die Krötenmutter versucht, Thumbelina zu entführen und mit ihrem Sohn zu verheiraten ... Thumbelina kann mit Jacquimos Hilfe flüchten, doch die Heimkehr zu ihrer Mutter und ihrem Prinzen ist voller Gefahren - sodass sowohl sie als auch er über sich hinauswachsen müssen, um sich wieder in die Arme fallen zu können.
Ist es ein ganz kleines bisschen merkwürdig, dass Däumelinchen, kaum aus einer wunderschönen Blume geschlüpft, direkt davon träumt, einen Partner zu finden und eine Familie zu gründen? Aus heutiger/emanzipatorischer Sicht schon irgendwie. Auf der anderen Seite aber kann ich sie verstehen. Sie hat Angst, das einzige winzig kleine Menschenwesen auf der ganzen Welt zu sein und nirgends so recht dazuzugehören. Eine der ersten Musicalnummern zeigt, wie die Tiere auf der Farm, auf der sie aus einer Blume schlüpft, zwar absolut entzückt sind von ihrer winzigen Gestalt, aber ... sogar ebenfalls frisch aus dem Ei geschlüpfte Küken sind um ein Mehrfaches größer als sie. Ständig bringen die Tiere sie einfach nur dadurch, dass sie in ihrer Nähe Zeit verbringen wollen (und sie aber durch ihre Bewegungen/Luftzug/Berührung umwerfen) in lebensgefährliche Situationen. Im Haus ist ihr Radius klein und sie kommt zwar einigermaßen eigenständig zurecht, aber es wird deutlich: Um in der Welt der großen Wesen (inklusive ihrer Mutter) zu überlegen, ist sie auf ständige Unterstützung von außen und auf extra für sie gebaute Möbelstücke/Utensilien angewiesen. Dass sie in diesem Kontext davon träumt, in einer Welt zu leben, die auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten ist, und dort auch eine Gemeinschaft zu finden und eine Familie zu gründen, kann ich verstehen. Ich weiß nicht, ob es Absicht seitens der Filmemachenden damals war, aber ich hatte sehr oft das Gefühl, dass hier starke Metaphern für Behinderung, Teilhabe, Wunsch nach Gemeinschaft drinsteckten. Den ganzen Film hindurch ist tatsächlich Cornelius der einzige, der tatsächlich auf das hört, was Thumbelina will und versucht, für sie da zu sein. Die Krötenmutter und ihr Sohn ignorieren Thumbelinas wiederholtes "Ich liebe einen anderen, ich will die Kröte nicht heiraten" und als sie sie auf einem Lilienblatt zurücklassen, um sie später zu holen, konnte ich sehr nachfühlen, wie sie sich auf das Blatt fallen ließ und ausrief, warum eigentlich niemand sie mal nach ihrer Meinung und ihren Bedürfnissen fragt. Auch im weiteren Verlauf der Handlung gibt es immer wieder Personen, die sie für ihre eigenen Zwecke einspannen und das naive Mädchen immer wieder bedrängen, das zu tun, was sie von ihr verlangen. Letzten Endes ist es der Ring an ihrem Finger und die Erinnerung an die einzige Person, die ihr tatsächlich zugehört und auf ihre Bedürfnisse geachtet hat, die Thumbelina im Finale des Films dazu bringt, das Richtige zu tun.
Mit John Hurt (Whovians kennen ihn als den "Kriegsdoktor") als Maulwurf.
Der Trickfilm ist auch viele Jahre später hübsch anzuschauen, die Lieder bleiben im Ohr und für einen Nachmittag, an dem ich einfach bisschen Nostalgie haben wollte, ohne viel nachdenken zu müssen, war der Trickfilm ganz fein. Schön fand ich, dass anders als im Original, Thumbelina ihren Prinzen bereits zu Beginn der Handlung kennenlernt und nicht erst am Ende. Sie durchlebt einige Höhen und Tiefen, bis sie wieder mit ihm vereint ist. Mir gefiel auch, dass zwar natürlich auch eine wichtige Motivation für sie war, dass Cornelius sie bei sich daheim abholen wollte (und sie das Versprechen einhalten will, dann auch da zu sein), aber die Liebe ist "nur" der Antrieb. Sie will nach Hause - zur Mutter, zum treuen Hund Hero, zu den anderen Tieren. War kurzweilig, hat Spaß gemacht.
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