„ … sollten wir uns darüber im Klaren sein, dass es kaum noch echte Reinblüter gibt. Wenn die wenigen reinblütigen Familien, die heute schon alle untereinander verwandt sind, darauf bestehen würden, nur noch Reinblüter zu ehelichen, dann käme es früher oder später – und ich denke, eher früher – zu einer nachhaltigen Degeneration, einem Verlust an geistiger Gesundheit und geistigen Fähigkeiten, von den magischen Fähigkeiten gar nicht zu reden, die keineswegs wünschenswert ist. Die Verbindung von Zauberern und Muggeln ist geradzu notwendig, um frisches Blut in die alten Familien zu bringen. Es ist außerdem unbestreibar – und wird durch die Ergebnisse der ZAG und UTZ-Prüfungen in Hogwarts immer wieder bestätigt – dass muggelstämmige Zauberer und Hexen allerbeste Ergebnisse erreichen. Viele dieser – vom Ministerium als „Schlammblüter“ verleumdeten Mitglieder der magischen Gemeinschaft gehören zu den Jahrgangsbesten – und das ist der Beweis, dass Blut keinerlei Rolle spielt. Wir können froh sein, dass es diese fähigen Hexen und Zauberer gibt und einzig die Liebe sollte über die Partnerwahl entscheiden.“ Charity Burbage, Professorin für Muggelstudien an der Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei ( inzwischen im Ruhestand ) Tagesprophet vom 20.Juni
Niemand, der Charity Burbage in den letzten Tagen erlebt hatte, konnte daran zweifeln, dass die Entscheidung, endlich in den wohlverdienten Ruhestand zu gehen, richtig war. Sie hatte sich an manchen Tagen kaum auf den Beinen halten können. Ohne ihren Stock kam sie nicht mehr vorwärts und man konnte ihr ansehen, dass ihr jede Bewegung Schmerzen bereitete. Der Tod ihres alten Freundes Albus Dumbledore hatte ihr offenbar mehr zugesetzt als jedem anderen. Allerdings sah es ihr so gar nicht ähnlich, dass sie sich von keinem ihrer Kollegen verabschiedet hatte. Auch den Schülern hatte sie nichts gesagt, ganz im Gegenteil, sie hatte ihnen über die Ferien noch einige Studienaufgaben gegeben, ohne ihnen mitzuteilen, dass sie diese im nächsten Schuljahr gar nicht mehr kontrollieren würde. Sie war einfach verschwunden. So unverhofft, wie sie im letzten Herbst aufgetaucht war.
So kam sie auch nicht mehr dazu, Harry mitzuteilen, dass er Snape vertrauen sollte, aber sie war sich sicher, dass Severus zumindest in diesem Punkt vollkommen Recht hatte – Harry hätte es niemals geglaubt, nicht nach dem, was auf dem Astronomieturm geschehen war …
Aus den zusammenhanglosen Worten des Jungen konnte sie folgern, dass Severus Snape den tödlichen Fluch gesprochen hatte. Severus Snape – der einzige, den Albus in diesem Moment hatte sehen wollen. Sie sah ihren alten Freund vor sich – die verdorrte Hand mit dem Ärmel seines Umhangs bedeckend, in seinen Augen das Wissen darum, dass er nicht mehr viel Zeit hatte. War das sein Plan gewesen? Hatte Snape sich deshalb so gesträubt, ihm vorgeworfen, er hielte zu viel für selbstverständlich? Konnte es sein, dass Albus seinen bevorstehende Tod derart auszunutzen beabsichtigte? Charity hatte nicht anders gekonnt, als sich all diese Fragen mit einem klaren Ja zu beantworten. Albus hatte dafür gesorgt, dass sein Tod der Vernichtung dieses Irren dienen konnte. Snape würde in der Gunst von Tom steigen, dessen letztes Misstrauen endgültig zerstreuen. Und er hatte dafür gesorgt, dass dieser verblendete, verängstigte Junge nicht zum Mörder georden ist. Sie konnte sich sehr gut vorstellen, was für eine Angst der Junge um seine Eltern haben musste. Wer wusste besser als sie, was Angst in einem Menschen hervorbringen konnte …
Wie ein Schachspieler hatte Albus die Figuren platziert – doch Charity war sich nicht sicher, ob ihm klar gewesen ist, was er da von diesem jungen Lehrer verlangte. Als Mörder des großen Albus Dumbledore zu gelten – und dann hier in Hogwarts zu arbeiten, wo jeder seiner Kollegen ihn für einen Verräter, einen Todesser, einen Mörder halten musste. Wie lange würde der Junge das aushalten? Severus war noch so jung, doch er schien von einer unerschütterlichen Entschlossenheit. Vielleicht half es ihm, zu wissen, dass sie sein Geheimnis kannte ... Sie wusste, sie würde ihn gegenüber den Kollegen nicht in Schutz nehmen können, ohne ihr Wort zu brechen. Niemand würde verstehen, dass sie überhaupt ein Wort mit ihm wechselte. Ob Albus all das bedacht hatte? Wohl kaum. Oder doch? Hatte er nicht gesagt: Ich muss zuviel von Ihnen verlangen ...
Snape – dass ihre letzte Begegnung so ablaufen würde, hätte sich keiner von ihnen träumen lassen. Denn natürlich waren die Gerüchte über ihren Ruhestand gezielte Lügen. Voldemort – sie konnte an ihn nicht anders denken als an diesen Tom Riddle - war ihrer doch noch habhaft geworden. Kopfüber an der Decke im Salon von Malfoy Manor hängend, hatte sie ihn gefragt, warum er solche Angst vor ihr habe, dass er nicht mal zivilisiert mit ihr reden könne. Sie wusste, dass ihn das wütend machte, so wütend, dass er sie mit einem Schweigezauber verstummen ließ, bevor sie ihn mit seinem verhassten Muggelnamen anreden konnte. Sie konnte Snape in die Augen sehen und wusste, dass er sich nicht verraten durfte. Trotzdem flehte sie ganz leise: „Severus, bitte... bitte..“ Und auch wenn Snape keine Mine verzog und sie nicht retten konnte, so konnte er dennoch ein Letztes für sie tun: Ein ungesagter „Anästhesia“ betäubte die kleine Frau.
Ein Gefühl der Erhabenheit und Macht durchströmte den Mann an der Stirnseite der langen Tafel in Malfoy Manor, den Mann, der sich Lord Voldemort nannte und der es genoss, zu wissen, dass man im Geheimen von ihm nur als dem Dunklen Lord sprach, dem, dessen Name nicht genannt werden darf, ja, dass man nicht wagte, seinen Namen auszusprechen. Es war jenes befriedigende Gefühl, das ihn immer beherrschte, wenn er sich anschickte, zu töten. Und diesmal war es etwas ganz Besonderes, denn es war durchaus nicht nur ihre flammende Verteidigung der Muggel und Muggelstämmigen im „Tagespropheten“, wie er seinen Gefolgsleuten erklärt hatte, nein in wenigen Augenblicken hätte er endlich den letzten Menschen getötet, der die geheimnisvolle Aura des Dunklen Lords hätte zerstören können, den letzten Menschen, der wusste, dass der größte Zauberer, der unsterbliche Lord Voldemort einst seine Anfänge in einem tristen Londoner Muggelwaisenhaus genommen hatte, ja dass sein eigener Vater ein Muggel war. Charity Burbage spürte nicht mehr, wie der Todesfluch sie traf, wie ihr Körper auf den großen Tisch fiel und die riesige Schlange sich darüber hermachte. Voldemort strich gedankenverloren über den Zauberstab in seiner Hand und beobachtete Nagini. Er wusste, sie würde dafür sorgen, dass von Prof. Burbage nichts übrigblieb. - Spurlos verschwunden - wie alle seine Feinde ...
Nun war nur noch einer übrig – Harry Potter! Doch er war sich ganz sicher, es würde nun nicht mehr lange dauern, bis er endlich auch ihn töten würde. Er wandte sich wieder seinen Todessern zu, als sei nichts weiter geschehen, als habe es nur eine kurze Unterbrechung ihrer Unterhaltung gegeben.
Aber es gab jemanden in diesem Raum, den diese Minuten in seinen Alpträumen verfolgen würden, jemanden, der in diesem Moment wusste, dass er nicht wirklich zu diesen Leuten gehörte, die zu dem,was gerade geschehen war, Beifall klatschten. Draco war von seinem Stuhl gefallen und Snape kam in diesem Moment zu Bewusstsein, dass es nun niemanden mehr gab, der sein Geheimnis kannte. Charity Burbage aber dachte in ihrem letzten Moment daran, dass Albus tatsächlich Recht behalten hatte – niemand war hinter ihr Geheimnis gekommen, das Dumbledore mit ins Grab genommen hatte: Nicht umsonst hatte Albus sie zum Geheimniswahrer des Ordens gemacht, niemand hätte sie jemals zwingen können, ihn dorthin zu führen, ja der Ort selbst war für sie weder sichtbar noch betretbar. Nun war es durchaus nicht so, dass mit ihren magischen Fähigkeiten etwas nicht stimmte, es war nur so, dass sie keinerlei magische Fähigkeiten besaß. Nein, sie war keine Squib, Charity Burbage, die dank Dumbledores Magie in Hogwarts gelebt und unterrichtet hatte, war - ein Muggel.
Mir gefällt es gut, dass hier mal explizit darauf hingewiesen wird, dass Snape ein junger Mensch ist. Ich bin mir nicht sicher, ob sein Alter irgendwo explizit erwähnt wird, aber er ist auch in Band 7 noch definitiv unter 40.
Und was für ein starkes Ende der Geschichte, bei dem sich auch Charitys Tod wie ein Sieg über Voldemort anfühlt. Ich habe jedenfalls Gänsehaut.
Du hast Recht, Snape ist wirklich noch ziemlich jung - bei seinem Tod war er 38. Deshalb ist es auch durchaus verständlich, dass er nicht mit der Abgeklärtheit eines Albus Dumbledore reagieren kann, wenn es um Potter geht. Die Augen der einzigen Liebe seines Lebens in einem Gesicht zu sehen, dass er von ganzem Herzen hassen gelernt hat, war für ihn bestimmt nicht einfach. An diesem Punkt ist die Geschichte aber noch nicht zu Ende. Ich habe mir vorgestellt, das Kings Cross aus Band 7 wäre ein realer Ort, ein Ort, an dem Albus auf Harry wartet, bevor er weitergehen kann. Doch bis Harry schließlich kommt, passiert noch so einiges - dort und auch in Hogwarts.
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