Peter wachte auf, als er die schrille Stimme seiner Mutter hörte. »Peeeeter! Peeeeter« Er verdrehte die Augen und schälte sich aus seinem Bett. Er war von Kopf bis Fuß nassgeschwitzt. Seufzend öffnete er seine Zimmertür und streckte seinen Kopf hinaus in den Gang. Seine Mutter werkelte offenbar in der Küche herum. »Peter! Was ist denn das schon wieder für ein Zeug im Kühlschrank?« »Was zu Essen«, gab er unschuldig von sich. »Was zu Essen« äffte ihn seine Mutter nach. »Und was ist mit dem, was ich dir extra dagelassen habe?« Peter brachte es nicht übers Herz, dass er im Grunde seit seinem Hogwartsabschluss nicht mehr das vorbereitete Essen seiner Mutter aß. Vielleicht war sein Gaumen von Hogwarts verwöhnt - aber seine Mutter kochte furchtbar. Ihre Schnitzel hatten die Konsistenz, die »Schuhleder« noch als Kompliment klingen ließen, ihre Soßen schmeckten wie Abwasser und generell schaffte sie es, alles, absolut alles zu verkochen. Er musste gestern seine ganze Fantasie verwenden, damit aus dem Nudelbrei mit Soße Irgendwas (er konnte wirklich nicht mehr herausschmecken, was das hätte werden sollen) ein annehmbares Abendessen wurde. Leider hatte er nicht geschafft, alles aufzuessen, da Sirius ihn zu einem »superwichtigem« Ordenstreffen abgeholt hatte. Dann wurde er und Marlene McKinnons zu dieser doofen Überwachungsschicht zum Herrenhaus der Malfoys geschickt. Marlene konnte irgendwie dann doch nicht ... und an den Rest wollte er sich lieber nicht erinnern. »Das habe ich etwas ... verändert« Er sah zu Boden. »Und mir mal wieder den ganzen Haushalt durcheinandergebracht.« »Nein, Mum. Ich hab hinterher doch aufge ...« »Du bist einfach unverbesserlich! Wie willst du so je eine Frau finden?« »Aber Mum, ich ...« »Nein, Peter. Solange du noch deine Füße unter meinem Tisch hast, tust du gefälligst, was ich sage. Und du benimmst dich einfach unmöglich. Du treibst dich die ganze Nacht herum und tust nichts Anständiges. Hast du zumindest mal Alastor Moody gefragt, ob er dir einen Job im Ministerium besorgen kann?« »Nein«, Peter kaute auf seinem Zeigefinger. Er bereute es zutiefst, gegenüber seiner Mutter erwähnt zu haben, dass er Kontakt zu Mad-Eye Moody hatte. »Nein. Natürlich nicht. Wie soll je was Anständiges aus dir werden? Wenn dein Vater noch leben würde ...« Peter spürte einen Schlag im Magen. »Der war genauso ein Rumtreiber wie du. Hat sich weiswasmerlinwo rumgetrieben und ist nur nach Hause gekommen, wenn seine feinen Umhänge mal wieder dreckig waren. Undankbar. Das seid ihr alle beide.« »Ja, Mum« »Wenn ich dich noch einmal in der Küche erwische ...« »Ja« Er hörte die ganzen Beschimpfungen und das Geschrei seiner Mutter nur noch durch einen Schleier. Natürlich war er eine Niete. Was sollte er auch sonst sein? Er konnte nichts, er schaffte nichts und das wenige, was er zustande brachte, war auch nicht gut. Das »Ohnegleichen« in Alte Runen? Was konnte man damit schon anfangen? Kochen? Als Mann? Das konnten Frauen doch nicht gut finden. Er schloss wieder die Zimmertür und holte sich frische Klamotten aus seinem Kleiderschrank. Es war so unfair. Seine Freunde arbeiteten doch auch nicht und hatten Geld wie ein Zauberstabbaum Bowtruckles. Zumindest soviel, dass sie sich eine eigene Wohnung leisten konnten. Na, gut. Bis auf Remus. Aber das war ja was anderes. Vorsichtig löste er die Folie von seinem Arm. Die Haut um sein dunkles Mal war kaum noch gerötet und es schmerzte nicht mehr. Zumindest körperlich. Die dunklen Höhlen im Totenkopf, die Schlange, die aussah, als würde sie sich bewegen, wenn er seine nicht vorhanden Armmuskeln anspannte ... das alles löste ein schaurig dumpfes Gefühl in seinem Magen aus. Was sollte er tun? Sollte er irgendjemanden Bescheid geben? James? Sirius? Vielleicht Remus. Er war von allen dreien am Verständnisvollsten, wenn er Probleme hatte. Nein. Das konnte er nicht tun. Sie würden es nie verstehen. Sie würden ihn fragen, warum er nicht gekämpft hätte. Und was sollte er ihnen dann sagen? Er hatte es ja noch nicht einmal versucht. Er hatte nicht einmal seinen Zauberstab gezogen. Er hatte solche Angst gehabt, dass er vollkommen vergessen hatte, dass er ein Zauberer war. Schon alleine der Gedanke an Du-weißt-schon-wer ließ ihm eine Gänsehaut aufsteigen. Diese schlangengleichen, roten Augen, die fahle Haut. Und was war eigentlich mit seiner Nase passiert? Dieses Gemunkel, er hätte die Grenzen der Magie gesprengt, er hätte einen Weg gefunden, unsterblich zu werden. Bei dem Gedanken wurde ihm schlecht und er hatte schon wieder das Bedürfnis, sich heulend unter seiner Decke zu verkriechen. Was nützte es schon, gegen jemanden zu kämpfen, der unsterblich war? Er setzte sich auf sein Bett, schlang die Arme um seine Beine und zwang sich, ruhig ein und auszuatmen. Ein. Aus. Ein. Aus. Er versuchte, sich auf die Gerüche in seiner Umgebung zu konzentrieren. Das Extra-Ratzeputz-Duschgel. Seine nach Salz riechende Haut. Und aus irgendeinem Grund Zitrone. Langsam verfiel seine Panik und ihm wurde wieder wärmer. Es war still um ihn herum. Seine Mutter war wohl endlich zu Bett gegangen. Zumindest etwas. Er stand auf. Ein bisschen frische Luft würde ihm sicher guttun. Er verlies das Haus durch den Hintereingang und ging in den Garten, der seit dem Tod seines Vaters vollkommen verwildert war. Der Schnee, der in den letzten Tagen gefallen war, war nur noch in wenigen Ecken zu sehen. Das Unkraut war verdorrt und das lange Gras klebte am Boden wie die Nudeln von gestern abend. Zwischen den geschniegelten Muggelgärten von Mr. McCarrynons und den Smiths sah ihr Garten einfach nur schäbig aus. Peter hatte im Sommer versucht, etwas damit zu machen, aber nur Schelte von seiner Mutter bekommen. »Was treibst du dich schon wieder rum?«, hatte sie gefragt. Und dann hatte sie wieder von Jobs im Ministerium geredet und warum er sich in Hogwarts denn nicht mehr angestrengt hätte. Peter schloss die Augen. Irgendwie fühlte er sich gefangen. Zwischen den Erwartungen seiner Mutter, seinen Freunden. Und jetzt auch noch ... Nein, da wollte er nicht daran denken. »Peter?« Peter öffnete die Augen. Am Gartenzaun vor ihm stand Mr. McCarrynons. Nicht auch noch er! »Hallo«, antwortete er behutsam. »Mensch Peter! Hab dich lange nicht gesehen! Groß bist du geworden!« »Ähmmm... ja«, Peter war sich nicht sicher ob er jetzt seine Körpergröße oder- breite meinte. Er war seinem fünfzehnten Lebensjahr nicht mehr gewachsen. »Hast du heute auch frei?« Mr. McCarrynons lächelte ihn an. In seinem Gesicht waren viel mehr Falten als früher und das Haar wurde schon leicht grau. Er hatte einen Dreitagebart und sah aus, als hätte er einige Nächte durchgemacht. »Naja, ich habe keine Arbeit ... also« Er scharrte mit seinen Füßen im verdorrten Gras. »Ach, mach dir da keine Sorgen. Ein kluges Kerlchen wie du findet doch im Handumdrehen was.« Er zwinkerte ihm zu. Kluges Kerlchen. Er hatte sich noch nie dümmer gefühlt. Von Mr. McCarrynons Küche wehte der Duft frisch gekochten Essens rüber. Er konnte nicht einordnen, was es war, aber es roch nach exotischen Gewürzen. Rasch fühlte er sich in seine Kindheit versetzt, als noch Mr. McCarrynons auf ihn aufgepasst hatte, wenn sein Vater verreist und seine Mutter auf Arbeit war. Es hatte immer so leckere Sachen zu essen gegeben, die er woanders noch nie gesehen hatte. Lange, dünne Nudeln, die fast durchsichtig waren, kleine, gelbe, knusprige Bällchen. Viel Gemüse, was aber so unglaublich lecker schmeckte und so anders als das typische englische Essen, was er in Hogwarts bekam. Wenn er nur wüsste, was das alles war und wie man das alles zubereitete, dann konnte er zumindest mit dem Essen ein bisschen die Zeit zurückdrehen und... »Was ist das?« Mr. McCarrynons und deutete auf etwas hinter Peter. Peter drehte sich um und traute seinen Augen kaum. Quer über den ungepflegten Rasen kam ein riesiger Patronushund auf ihn zugelaufen. Oh nein! Peter ballte die Fäuste. Sirius wusste ganz genau, dass er in einer Muggelgegend wohnte, warum tat er das immer wieder? Er wollte jetzt nicht auch noch Ärger mit dem Zaubereiministerium haben. »Oh, das muss eine Sonnenreflexion sein.« Mr. McCarrynons sah verwirrt aus. »Hmmm... ja. Ich gehe wieder rein. Schön, dich mal wieder getroffen haben, Peter« Peter ging auf den Hund zu und scheuchte ihn ins Gartenhaus. Kaum hatte er die Tür geschlossen, wollte er ihn ausschimpfen, was das den sollte, doch er brachte nur ein »Was gibt es?« Heraus. »Ordenstreffen. Bei Lily und James. Ganz wichtig. Komm, so schnell du kannst« Dann löste sich der Hund in Luft auf. Ordenstreffen. Das auch noch! Dann dann verkrampfte sich sein Magen. Was, wenn Flora es geschafft hatte, Dumbledore zu warnen? Wusste er jetzt Bescheid? Was sollte er tun? Peter sah sich Hilfe suchend im Schuppen um, als ihm etwas silbrig glitzerndes in sein Auge fiel. Er zog und erleuchtete seinen Zauberstab und leuchtete hinter den Schrank mit den vertrockneten Misteln und sah ihn. Der Dolch! Obwohl alles in ihm schrie, dass er den Dolch ganz weit wegschmeisen sollte, steckte er ihn in die Tasche. Es war das letzte Stück von seinem Dad, das ihm noch erhalten geblieben war. Und er brauchte jetzt alle Unterstützung, die er brauchen konnte.
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