Dumbledore antwortete nicht gleich, und Snape biss sich auf die Lippen. Er konnte nicht glauben, was er da gerade gehört hatte. Horkruxe. Nicht Horkrux, nein, Horkruxe. Mehrere. Konnte das wahr sein? Hatte Voldemort Stücke seiner Seele verborgen und sicher aufbewahrt, damit er niemals sterben konnte? Offenbar. Es passte alles zusammen. Und Dumbledore hatte wahrscheinlich schon einen oder mehrere zerstört. Danach hatte er also gesucht, wenn er im letzten Jahr fast ständig unterwegs war – und das war sein wahres Ziel gewesen am Abend seines Todes. Natürlich, und deshalb war dieser Potter bei ihm. Es war, als hätte plötzlich jemand ein Licht in seinem Gehirn angeknipst – plötzlich fügten sich so viele unerklärliche Dinge zusammen. So viele Fragen beantworteten sich mit einem Male nahezu von selbst. Warum war Voldemort nicht gestorben nach seinem Angriff auf die Potters? Warum hatte Dumbledore im Ministerium nicht einmal den Versuch unternommen, ihn zu töten? Was musste der Junge tun? Und warum sollte er auf Nagini achten? Natürlich, wenn ER sie sicher an seiner Seite halten würde, unter starkem magischen Schutz, dann wären seine Horkruxe zerstört, dann wäre Nagini der letzte. Und dann musste der Junge sterben. Das also hatte Dumbledore gemeint, als er von einem Stück der Seele des Dunklen Lords gesprochen hatte, einen unfreiwilligen Horkrux ... Snape schauderte. Vor vielen Jahren hatte er einmal etwas über diesen Zauber gelesen. Der Gedanke, seine Seele zu zerstören, war ihm so schrecklich erschienen, dass er sich nicht vorstellen konnte, dass irgendjemand es auch nur versuchen würde. Und ER hatte mehrere gemacht ... Wie viele es wohl waren? Konnte es sein, - drei und die Schlange, dazu der, den Dumbledore bereits zerstört hatte und der, den sie an seinem letzten Tag gesucht hatten – konnte es sein, dass ER sieben Horkruxe gemacht hatte. Die Sieben, die stärkste magische Zahl ... Aber das war doch Wahnsinn! Und doch, Wahnsinn, das war das einzige, was Snape einfiel, wenn er jetzt an den Dunklen Lord dachte, an sein Dunkles Mal, an seine letzte Begegnung mit ihm. Er war so in seine sich überschlagenden Gedanken vertieft, dass er gar nicht bemerkt hatte, wie er aus der Erinnerung aufgetaucht und in sein Büro zurück gelangt war. Er schaute Dumbledores Portrait an, doch der schlief in seinem Rahmen. Der von Phineas Niggelus war noch immer leer. Er schloss das Denkarium ein und öffnete die Bürotür. Alles schien ruhig, er erwartete auch keinen Besuch, also beschloss er, sich noch ein paar Stunden Schlaf zu gönnen, bevor er wieder seinen zahlreichen Verpflichtungen als Schulleiter nachkommen musste. Ob nun das Eintauchen in alte Erinnerungen oder die Fülle an neuen, unerhörten Gedanken etwas damit zu tun hatten – sein Schlaf war tief und fest, und er wunderte sich, dass es stockdunkel war, als ihn eine aufgeregte Stimme weckte: „Schulleiter! Schulleiter!“ Das Rufen kam aus dem Rahmen von Phineas Niggelus. Stolz verkündete er: „Sie kampieren in Forest of Dean! Dieses Schlammblut -“ „Benutzen Sie dieses Wort nicht!“ Snapes Ton war schneidend. „- dieses Granger-Mädchen, also, sie hat den Ort erwähnt, als sie ihre Tasche öffnete, und ich habe sie gehört!“ „Gut. Sehr gut!“, rief das Porträt von Dumbledore. Albus schien immer im richtigen Moment zu erwachen. Aufgeregt flüsterte er: „Nun, Severus, das Schwert! Vergessen Sie nicht, dass es nur in Not und mit Heldenmut genommen werden darf – und er darf nicht wissen, dass es von Ihnen kommt! Wenn Voldemort in Harrys Gedanken eintauchen sollte und sieht, dass Sie für ihn handeln -“ „Ich weiß“, sagte Snape knapp. Er ging auf das Portrait zu und zog seitlich am Rahmen. Die verborgene Feder offenbarte ein Geheimfach, in dem das Schwert von Gryffindor verborgen war. Das echte, von dem alle dachten, es sei sicher im Verlies von Bellatrix Lestrange in Gringotts verwahrt. „Und Sie wollen mir immer noch nicht sagen, warum es so wichtig ist, Potter das Schwert zu geben?“, fragte Snape, als er einen Reisemantel über seinen Umhang schwang. „Nein, ich denke nicht. Er wird wissen, was er damit tun soll. Und, Severus, seien Sie vorsichtig, nach George Weasleys Unglück werden die sich womöglich nicht besonders über Ihr Erscheinen freuen -“ „Machen Sie sich keine Sorgen, Dumbledore“, sagte Snape kühl. „Ich habe einen Plan ...“
Doch nicht nur das, während er sich auf den Weg machte, fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Natürlich: Es war eine koboldgearbeitete Klinge, was er da trug. Vor fünf Jahren hatte Potter damit den Basilisken in der Kammer des Schreckens getötet. Diese Waffe hatte aufgenommen, was sie stärkte. Sie war mit Basiliskengift getränkt! Und Dumbledor hatte mit diesem Schwert einen Stein gespalten, es war dieser Ring, über den Charity mit Albus geredet hatte, ein Ring, den Voldemort – es fiel ihm schwer, an ihn als den Tom zu denken, den er in den Erinnerungen gesehen hatte – einstmals am Finger trug. Genau, es war dieser Ring gewesen, beladen mit einem tödlichen Fluch. Hatte Dumbledore mit dem Schwert von Gryffindor einen Horkrux zerstört? In Not und mit Heldenmut – hatte er sich etwa absichtlich in Lebensgefahr gebracht, damit er das Schwert benutzen konnte? Wie zerstörte man nur so einen Horkrux? Snape konnte sich nicht erinnern, jemals etwas darüber gelesen oder gar gehört zu haben. Doch dieses Schwert, getränkt mit dem Gift des Basilisken – und wer weiß, womit noch in all den Jahren, seit es schon existierte, es konnte offenbar Horkruxe zerstören ... Während all diese Gedanken seinen Kopf durchströmten, hatte er das Ende der Schlossgründe erreicht. Es war noch immer dunkel, auch wenn man wegen der dichten Schneedecke ein paar Schritt weit sehen konnte. Mit einem klaren Kopf wie schon seit langem nicht mehr, apparierte er zum Forest of Dean. Er legte einen Desillusionierungszauber über sich und wartete. Die Schutzzauber, die sie errichtet hatten, würde er nicht durchdringen können. Er machte sich auf die Suche nach Spuren von Magie.Es dauerte nicht lange, da wurde er fündig. Irgendwo hier in der Nähe mussten sie campieren. Er schritt zügig aus, in einiger Entfernung hatte er vorhin eine Art Reflexion bemerkt. Er lief direkt darauf zu und richtig, vor ihm lag ein zugefrorener Weiher. Er nahm das Schwert vorsichtig heraus und stieß es ins Eis. Es ging hindurch wie durch Butter und blinkte am Grunde wie ein vergessenes Juwel. Nun musste er nur noch dafür sorgen, dass Potter es auch finden konnte. Erschrocken schaute er sich um. Er hatte etwas gehört. Doch wahrscheinlich spielten ihm nur seine überreizten Sinne einen Streich. Es war wohl doch nichts. Seine Schritte hinterließen tiefe Abdrücke im Schnee, die er mit einem Schlenker seines Zauberstabes beseitigte. Man hörte noch ein Knirschen, doch das konnte auch von einem Tier stammen. Snape war perfekt getarnt. „Expecto Patronum!“ Eine silberne Hirschkuh brach aus seinem Zauberstab hervor und bewegte sich anmutig zwischen den Bäumen hindurch auf die Stelle zu, an der er Potter und seine Freunde vermutete. Nun hieß es warten. Alles an Snape war angespannt, er spürte die Kälte nicht, die langsam durch seine Glieder kroch. Und tatsächlich – da kam die silberne Hirschkuh zurück – und mit ihr – Potter. Er sah genauso erschöpft aus, wie Snape sich fühlte, war hagerer geworden. Und doch strahlte jede seiner Bewegungen eine Art grimmiger Entschlossenheit aus. Snape schaute zu, wie Potter seine Sachen ablegte und in den Weiher tauchte. Gleich musste er mit dem Schwert wieder auftauchen, doch er kam nicht wieder an die Oberfläche. Snape war schon entschlossen, sein Versteck zu verlassen und Potter herauszuziehen, da tauchte plötzlich eine weitere Gestalt auf, sprang in den Weiher und holte den Ertrinkenden heraus. Mit den Worten: “Bist - du – verrückt?! Warum zur Hölle hast du dieses Ding nicht abgelegt, bevor du reingesprungen bist?“ , hielt Ronald Weasley Harry ein Medaillon vor's Gesicht, das hypnotisch an einer abgerissenen Kette hin- und herbaumelte. In der anderen Hand hielt Ron das Schwert. Snape konnte nicht genau verstehen, worüber die beiden sprachen, nun, nachdem die Unterhaltung in normaler Lautstärke geführt wurde. Harry hatte merkwürdige Spuren der Kette an seinem Hals, so als hätte sie ihn gewürgt. Vielleicht konnte er noch in Erfahrung bringen, was es mit diesem Ding auf sich hatte, doch Ron lief genau auf sein Versteck zu und wäre beinahe in ihn hineingelaufen, also apparierte er ein Stück weiter, er hörte, wie die beiden rätselten, wer wohl die Hirschkuh geschickt und das Schwert im Weiher deponiert haben könnte, und ob es das echte sei. Da sagte dieser Potterjunge etwas sehr Seltsames, nämlich, dass es eine Möglichkeit gebe, das sofort herauszufinden. Das Medaillon mit seiner zerrissenen Kette baumelte immer noch in Rons Hand, es sah aus, als würde es sich von selbst bewegen, als wolle es fort von seinem Träger. Konnte es sein, dass ... Die nächsten Worte Potters, die er hören konnte, verscheuchten auch den letzten Zweifel: „Ich werde es öffnen, und du erstichst es. Und zwar sofort, verstanden. Denn was immer da drin ist, es wird sich wehren. Das Stück Riddle in dem Tagebuch hat versucht mich umzubringen.“
Snape hielt den Atem an. Sie hatten einen Horkrux gefunden, ein Stück von Voldemorts Seele steckte in diesem Medaillon. Deshalb also hatte es versucht, Potter zu erwürgen. Wirklich, außerordentlich leichtsinnig von diesem Bengel, es nicht vorher abzulegen ... Doch dann bot sich seinen Augen ein schreckliches Schauspiel: Er sah von weitem, wie aus dem Medaillon zwei Köpfe herauswuchsen. Es waren Harry und Hermine, aber sie sahen seltsam verzerrt aus und sprachen zu dem Weasley-Jungen mit vor Hohn triefenden Stimmen. Der hielt das Schwert hoch, war aber offensichtlich nicht fähig zuzustechen, denn immer wieder rief Potter ihm zu: “Erstich es! Stich doch zu! Tu es, Ron!“ Endlich, nach wer weiß wie vielen quälenden Minuten stieß das Schwert auf das Medaillon nieder, ein markerschütternder Schrei war zu hören, das Medaillon qualmte leicht. - Es war vorbei. Snape atmete erleichtert aus, offenbar wussten diese jungen Leute ganz genau, was sie taten – und er hatte ihnen das Schwert genau im richtigen Moment gebracht. Ein Stück von Voldemorts Seele war vernichtet, und er, Severus Snape, hatte das Seine dazu getan. Er apparierte zurück nach Hogwarts und während seine Schritte über den Schnee der Schlossgründe knirschten, wurde ihm bewusst, dass es nun noch viel mehr gefährliche Gedanken gab, die er vor einer erneuten Begegnung mit Voldemort im Denkarium verbergen musste. Trotzdem waren seine Schritte beschwingt, als er das Schloss betrat und sich in sein Büro begab. Dumbledore in seinem Portrait blinzelte: “Nun, Severus, ist es Ihnen gelungen?“ Snape entgegnete trocken: „Und mehr als das: Ich habe beobachtet, wie sie einen Horkrux zerstört haben.“ Dumbledore erschrak: „Woher wissen Sie -“, doch statt einer Antwort zeigte Snape nur auf die Truhe und sagte vorwurfsvoll: „Sie hätten es mir ruhig sagen können.“ Dumbledore schüttelte den Kopf: „Severus, verstehen Sie doch, ich wollte Sie nicht noch mehr in Gefahr bringen. Ich wusste doch, er würde nicht zögern Sie zu töten, wenn er wüsste, dass Sie sein Geheimnis kennen. Und Sie wissen doch, wie wichtig es für diese Schule und für die Sicherheit der Schüler ist, dass Sie so lange wie möglich hoch in Voldemorts Gunst bleiben. Sie sind noch so jung, Severus, Sie sollten wenigstens eine Chance haben ...“ „Sie haben mit Prof. Burbage darüber gesprochen.“ Es klang beinahe ein wenig trotzig, doch Dumbledore antwortete ganz gelassen: „Sie haben es ja gehört, sie hatte nur noch ein Ziel im Leben – diesem Tom, wie sie ihn immer nannte, das Handwerk zu legen. Sie wollte Voldemort herausfordern, um Harry einen Weg zu den Horkruxen zu bahnen, und sie hätte sich niemals umstimmen lassen. Außerdem, wie Sie ja selbst schon bemerkt haben, war es außerordentlich schwierig, etwas vor ihr zu verbergen.“ „Wie hat sie das nur gemacht? Welche verborgene Art von Legilimentik hat sie eingesetzt, um meine Verteidigung zu durchbrechen?“ „Aber Severus, haben Sie es denn noch immer nicht erkannt: Sie selbst haben es ihr verraten.“ Dumbldore lachte: „Ach, Severus, wenn Sie jetzt Ihr verdattertes Gesicht sehen könnten!“ Doch plötzlich verzerrten sich Snapes Züge: „Was haben Sie denn, Severus?“, fragte Dumbledore besorgt, doch statt einer Antwort biss Snape die Zähne zusammen und entblößte seinen linken Unterarm. Das Dunkle Mal brannte rot glühend. Voldemort rief seinen Diener zu sich.
Bevor Snape mit routinierten Bewegungen seine gefährlichen Gedanken, zu denen nun auch sein letztes Erlebnis im Forest of Dean gehörte, aus seinem Kopf zog und im Denkarium ablegte, durchzuckte ihn die Frage: „Hat er es bemerkt? Kann er es spüren, wenn ein Teil seiner Seele vernichtet wird? Was wird er tun?“ Doch als er sein Büro verließ war sein Schritt fest und seine Miene undurchdringlich. In Malfoy Manor nahm er wortlos seinen Platz am Tisch ein, wie immer mit einer leichten Verbeugung und einem halb gehauchten: “Herr ...“ seine Bereitschaft zeigend, die Befehle des Dunklen Lords zu erfüllen. Nur die Spur eines leichten Nickens zeigte Narzissa, dass er ihren Brief erhalten hatte.
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