„Nun, dieser Riddle hat mich zuletzt doch noch erwischt, ich hatte gerade mit meiner Katze einen Spaziergang am Ufer des Schwarzen Sees gemacht. Wir waren ganz allein, als plötzlich – wie aus dem Boden gewachsen – ein vierschrötiger Kerl mit einer Totenkopfmaske vor mir stand, seinen Zauberstab auf mich gerichtet – und ich konnte mich nicht mehr bewegen, bin wie ein Stein einfach umgefallen. Er hat mich gepackt und ist mit mir – wie heißt das - appariert. Mir war so schrecklich übel, er warf mich wie einen Sack in einen großen Raum mit einer langen Tafel.
Und dann kam dieser Tom. Er sieht furchtbar aus, gar nicht mehr wie ein richtiger Mensch. Das Gesicht wie bei einer Schlange, die blutig roten Augen können einem Angst machen. Wie er mich angesehen hat – das kann ich nicht beschreiben. Ein leichtes Schnippen mit seinem Zauberstab – und ich hing kopfüber an der eichengetäfelten Decke. Es war furchtbar – so eine unwürdige Stellung.
Ich hatte davon geträumt, ihm gegenüberzutreten, aufrecht – wir haben ja über meine Idee gesprochen – doch nun hing ich in magischen Fesseln über der riesigen Tafel in Malfoy Manor, nacheinander kamen sie alle herein, seine Gefolgsleute, die Todesser, sie setzten sich hin und taten so, als sähen sie mich gar nicht. Nur Draco, dieser Junge schaute immer mal wieder verstohlen zu mir hoch, wenn es keiner sah. Dieser Riddle, er hat mich gequält: Wenn er mit seinem Zauberstab eine bestimmte Bewegung machte, spürte ich, wie meine Haut aufriss und Blut hervortropfte.
Doch eines war merkwürdig: Riddle genießt es, anderen weh zu tun, das war schon so, als er noch ein Kind war, er weidet sich an den Schmerzen seiner Opfer. Ich hätte wetten können, dass es ihm eine Freude gewesen wäre, meine qualvollen Schmerzensschreie zu hören, doch er hat dafür gesorgt, dass ich nicht schreien konnte, ja, dass ich überhaupt kein Wort mehr sagen konnte. Das war natürlich ein Glück für mich, weil Severus mich betäuben konnte, ohne dass es jemand gemerkt hat. So konnte er mir helfen, ohne sich zu verraten. Wir konnten nur ein paar Blicke wechseln, konnten uns nicht verständigen, ich habe nur gespürt, dass plötzlich die Schmerzen aufhörten.
Draco – du hattest Recht, Albus - er gehört da nicht wirklich hin, er ist von seinem Stuhl gekippt, als er mit ansehen musste, was dieser Tom mir angetan hat. Dann sah ich nur noch einen grünen Blitz – mehr weiß ich nicht. Dieser Tom, er hatte so ein Triumphieren in den Augen, als er sich anschickte, mich umzubringen. Es ist mir unverständlich, wieso er eine alte, hilflose Frau wie mich so sehr fürchtete. Mir wird das erst jetzt klar – dieser Schweigezauber, da war etwas in seinen Augen wie Furcht, eine Furcht, die ihn auf das Vergnügen, meine verzweifelten Schmerzensschreie zu hören, verzichten ließ, aber ich kann mir nicht vorstellen, warum.“
„Ist dir das wirklich nicht klar, Charity? Nun, nach meinem Tod, warst du die einzige, die seine Aura des mächtigsten Zauberers der Welt, des Herrschers, des Hüters des reinen Blutes, hätte beschädigen können. Niemand außer dir lebte noch, der wusste, dass Toms Vater kein Zauberer und seine Mutter eine ziemlich unbegabte und recht hässliche Hexe war, dass seine Großeltern keinen Tropfen magischen Blutes in sich hatten und er in einem Londoner Muggelwaisenhaus aufgezogen wurde – er, der alle verachtete, die nicht reinblütig waren, der alle Muggelstämmigen ausrotten wollte. Stell dir mal vor, du hättest seinen Leuten das erzählt ...“
„Das war alles? Seine Vergangenheit? Hatte er Angst, dass sich seine Leute dann von ihm abwenden würden? Auf dem Höhepunkt seiner Macht? Glaubte er, dass das irgendjemanden interessieren würde?“ Sie überlegte einen Moment. Dann schoss ihr ein Gedanke durch den Kopf: Natürlich! Der Tagesprophet! Der Entwurf ihres letzten Artikels, von dem man in der Redaktion meinte, man sei nicht sicher, ob er so gedruckt werden kann! Der musste den falschen Leuten in die Hände gefallen sein. Nun – es war jetzt nicht mehr zu ändern. Es wurde Zeit für ein paar Antworten: „Mein Lieber, jetzt hab ich lange genug geredet – ich möchte auch einiges wissen. Als erstes: Wo sind wir hier eigentlich – und was machst du hier, Albus? Mit mir kannst du ja nicht gerechnet haben, das war Zufall.“ „Charity, ich weiß nicht, wie dieser Ort für dich aussieht, vielleicht verändert er sich für dich auch noch, das weiß niemand vorher so genau, ich vermute, es hängt davon ab, woran du denkst, woran du dich erinnerst oder was du dir wünschst. - Ich jedenfalls warte hier auf Harry, also ist dies für mich eine Wartehalle.“ „Ehrlich gesagt, habe ich mich schon gewundert, dich hier zu treffen, ich war mir in einem ganz sicher, - dass du weiter gegangen sein würdest, du, für den das hier nur der Anfang eines nächsten Abenteuers ist.“ „Versteh doch, ich kann noch nicht weiter gehen, ich muss warten – auf Harry Potter.“ „Soll das heißen, der Junge wird sterben, wird dieser Riddle am Ende triumphieren? War alles vergeblich? - Albus, du musst mir so vieles erklären.“ „Das werde ich, Charity, das werde ich, wir haben so viel Zeit.“ „Albus, kann ich meine ehemaligen Nachbarn hier treffen, ich würde ihnen so gerne sagen, wie leid es mir tut, dass sie meinetwegen umgekommen sind, es hat mir so das Herz schwer gemacht, manchmal hat mich dieser Gedanke so niedergedrückt, dass es kaum auszuhalten war.“
„Nein, hier ist niemand außer uns – es wäre tröstlich, zu wissen, dass so eine Begegnung möglich wäre, dass man etwas wieder gutmachen könnte, aber das geht nicht.“ Seine Stimme wurde ganz leise, als er hinzufügte: „Glaube mir, auch ich hätte gern einige Menschen um Verzeihung gebeten, einige, für die ich nicht da war, als sie mich brauchten, doch es ist zu spät. Jeder, der dich kannte, wird wissen, dass du niemandem etwas Böses wolltest, das muss dir als Trost genügen.“
Die weiße Gestalt Albus Dumbledores setzte sich neben sie, und nun sah sie, dass sein Umhang nicht wirklich schneeweiß war, sie sah an sich hinunter und stellte fest, dass ihre Füße in ihren alten, ausgetretenen Pantoffeln steckten, und dass sie ihren alten, bequemen Morgenmantel trug. Nun, das Aussehen war hier wohl ziemlich egal ... „Du hattest übrigens Recht, Albus, bis zum letzten Augenblick hat keiner bemerkt, dass ich keine Hexe bin, die Leute sehen, was sie sehen wollen, ich hätte nie gedacht, dass deine Idee so gut funktionieren würde. Aber nun ist das Geheimnis des Ordens nicht mehr sicher.“ „Mach dir darüber keine Sorgen, die Mitglieder des Ordens werden schon genug Vorkehrungen für ihren Schutz treffen, Alastor Moody kennt da ein paar gute Tricks ... Und während wir hier nun auf Harry warten – ich gehe doch davon aus, dass du mir Gesellschaft leisten willst, oder?“
„Albus, nun erkläre mir doch endlich, wieso du so sicher bist, dass Harry hierher kommt, wieso soll er sterben, soll er nicht letztendlich diesen Tom Riddle besiegen?“
„Ich merke schon, du wirst keine Ruhe geben, ehe du nicht alles erfahren hast, ich hätte es wissen müssen. Also hör zu: Harry ist ein Horkrux, ein Horkrux, den Voldemort nie schaffen wollte, er hat ihn unwissentlich erzeugt, als er die böse Tat schlechthin begehen wollte, die Ermordung eines unschuldigen Babys. Ein Seelenbruchstück Voldemorts lebt in Harry, und solange das so ist, kann er nicht getötet, nicht besiegt werden. Das muss Harry erfahren, ich habe dafür gesorgt, dass Severus es ihm mitteilen wird. Voldemort muss Harry töten, nur er, niemand sonst.“
„Aber Albus, wie kannst du das nur so unbewegt sagen, was geschieht, wenn Harry tot ist?“
„Charity, über diese Dinge habe ich noch nie mit irgendeinem Menschen gesprochen: Ich bin überzeugt, dass Harry eine Chance hat, Voldemorts Todesfluch erneut zu überleben, denn Voldemort hat, als er seinen Körper neu erschaffen hat, Harrys Blut, Lilys Blut genommen, er hat Harry ans Leben gebunden, solange er lebt. Wenn Harry sich von Voldemort töten lässt, dann wird er hierher kommen, und ich warte auf ihn, um ihn zurückzuschicken, denn er wird das tun können, und er muss verstehen, warum, dann kann er Voldemort endgültig besiegen, und dann kann ich endlich weiter gehen ... Doch nun bist du dran, erzähle mir von diesem Gandalf, von den Büchern über Zauberer, die du gelesen hast, irgendwie müssen wir uns ja die Wartezeit vertreiben.“
Charity schloss die Augen und begann zu erzählen. Wie oft war sie in Tolkiens Welt eingetaucht, hatte mit seinen Figuren Mittelerde durchwandert, sie konnte wunderbar erzählen. Auch Albus hatte seine Augen geschlossen, so sah er die Welt, die Charity ihm aus ihrer Erinnerung beschrieb, ganz deutlich vor sich. Gespannt und fasziniert lauschte er der alten Geschichte über den Kampf gegen den dunklen Herrscher, dessen Ausgang von scheinbar so schwachen Gestalten abhing … Er verstand allmählich, warum er Charity an die Figur von Gandalf erinnert hatte, an Gandalf, der so viele Antworten kannte und der für seine Gefährten in den Abgrund gestürzt war ...
Doch lange bevor Charity die spannende Geschichte beenden konnte, tauchte in der Ferne eine Gestalt auf – doch es war nicht Harry.
Ich fand es aus irgendeinem Grund interessant, dass Charity nicht annähernd so emotional reagiert hat, wie Snape. Snape ist ja regelrecht ausgeflippt, aber Charity ist so wunderbar ruhig und lässt Dumbledore auch wirklich ausreden. Und nun frage ich mich natürlich - vermutlich ist das so beabsichtigt, wer die beiden da besuchen kommt...
Charity ist ja mit Harry nicht annähernd so emotional verbunden wie Snape, der sich angesichts der Enthüllung, Harry müsse sterben auch ein wenig betrogen vorkam, schließlich hatte Dumbledore ihm den Schwur abgenommen, den Jungen zu beschützen. Snape ist - wie wir ja schon festgestellt haben, noch ein recht junger Mann, wogegen Charity allein schon aufgrund ihres Alters etwas abgeklärter ist. Ich habe mir auch vorgestellt, dass die tote Charity ein wenig gelassener ist als die lebendige.
Und wer die beiden da besuchen kommt - "besuchen" ist vielleicht das falsche Wort - das ergibt sich ja aus Band 7 ( und wird nach meinem Urlaub erzählt ).
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